Daten teilen, Gemeinwohl stärken: Daten-Altruismus in der Praxis gemeinsam gestalten

Eine moderne Verwaltung braucht Daten für fundierte Entscheidungen – idealerweise nicht nur aus eigenen Quellen. Hier greift der Daten-Altruismus: Bürger:innen teilen freiwillig Daten für das Gemeinwohl. Kommunen können so Herausforderungen wie nachhaltige Mobilität, soziale Teilhabe oder Umweltmonitoring datenbasiert und partizipativ angehen. Besonders auf kommunaler Ebene entfaltet dieses Konzept seine Wirkung, weil Bürgernähe und Vertrauen wichtig sind. 

Im PIAZZA-Workshop „Daten teilen, Gemeinwohl stärken: Daten-Altruismus in der Praxis“ erarbeiteten die Teilnehmer:innen, wie man das Konzept des Daten-Altruismus auf den kommunalen Raum übertragen kann. Tizia Grether und Nina Müller, Smart-City-Engineer vom Fraunhofer-Institut für Experimentelles Software Engineering (IESE) in Kaiserslautern, leiteten den Workshop.  

Der Workshop begann mit einem Impuls und der Frage: „Was ist eine Datenspende?“ Eine Definition aus dem European Data Governance Act hilft weiter: „Einzelpersonen oder Unternehmen stellen freiwillig und unentgeltlich Daten für allgemeine Zwecke zur Verfügung, etwa für Forschung oder Verwaltung“ (vgl. Data Governance Act, Artikel 2 Nr. 16). Zwei Beispiele aus der Corona-Zeit verdeutlichten das Thema: Die Corona-Warn-App und die Corona-Datenspende-App. Beide spannen dabei das Feld auf zwischen einer passiven Bereitstellung von Daten durch die Corona-Warn-App, bei der nur wenige und stark anonymisierte Daten erfasst wurden, bis hin zur aktiven Beteiligung durch die Corona-Datenspende-App mit der Teilnahme an Studien durch die Bereitstellung individueller Vitaldaten. 

Aktuelle Beispiele aus Kommunen  

Vorgestellt wurden im Impuls auch kommunale Beispiele. Die „Darmstadt im Herzen“-App erfasst u. a. anonymisierte Mobilitätsdaten, berechnet CO₂-Einsparungen und belohnt Nutzer:innen mit Klimaherzen. Das Forschungsprojekt „Urban Emotions“ untersucht, wie Menschen urbane Räume emotional wahrnehmen, und nutzt Sensor- und GPS-Daten für die Stadtplanung. Zu jedem Beispiel wurden Datenarten, Erfassungszwecke und Erfassungsmechanismen erläutert.  

Nach diesen Beispielen ging es im letzten Teil des Impulses um die sichere und verantwortungsbewusste Datenerhebung. Dazu braucht es sowohl nicht-technische Komponenten wie transparente Datenrichtlinien sowie Kommunikation und Aufklärung als auch technische Komponenten wie eine Datenplattform und einen Datentreuhänder. Ein Datentreuhänder ist dabei eine Vertrauensinstanz, die schützenswerte Daten zwischen Datengebern und Datennutzern unter Wahrung der Interessen beider Seiten digital vermittelt. 

Mehr von den Referentinnen zu dem Konzept des Datenaltruismus und einigen auch im Workshop angesprochen Beispielen findet sich im Vorschau-Blogbeitrag zu diesem Workshop. 

Abbildung 1: Datentreuhänder als Vertrauensinstanz

Praktische Erarbeitung: Von der Theorie zur Praxis

Nach dem einführenden Impuls ging es in die praktische Auseinandersetzung mit dem Thema. Zunächst wurde gemeinsam ein konkreter Smart City Use Case ausgewählt, an dem die Prinzipien des Daten-Altruismus exemplarisch durchgespielt werden sollten. Die Wahl fiel auf Mobilität, ein relevantes und anschauliches Thema. Die Gruppe konkretisierte den Use Case und identifiziert Herausforderungen wie Verkehrsflussoptimierung und Infrastrukturverbesserung durch Unfalldaten. Ziel des Use Case ist, nachhaltige Mobilität zu fördern und Bürger:innen zu umweltfreundlichen Verkehrsmitteln zu motivieren.  

Die zentrale Frage lautete: Welche Daten sind nötig? Die Teilnehmenden sammelten etwa 15 Datenarten, von Standortdaten bis zu Sharing-Anbieter-Daten. Deutlich wurde die Vielfalt der Datenquellen und die technischen sowie organisatorischen Herausforderungen. Bereits aufbereitete Daten von anderen Plattformen bieten eine interessante Möglichkeit: Sind sie verfügbar, wurden sie oft schon vorverarbeitet und zusammengefasst, sodass keine Datenschutzprobleme entstehen. Voraussetzung ist, dass die Nutzer:innen von Diensten und Apps über diese Verwendung informiert wurden und einer möglichen Datenspende zugestimmt haben. Ebenso spannend ist die Verknüpfung ähnlicher oder unterschiedlicher Daten aus verschiedenen Quellen, um ein umfassendes Mobilitätsbild zu zeichnen. Auch wenn dieses ungenau und lückenhaft bleibt, kann es helfen, gezielte Datenerhebungen anzustoßen oder erste Erkenntnisse zu gewinnen. 

Datenlücken füllen, Datenspenden fördern  

Auch wenn Kommunen bereits viele Daten besitzen und verschiedene Quellen nutzen können, zeigte die Diskussion: Wichtige Informationen fehlen oft trotzdem. Die zentrale Frage lautete daher: Wie lassen sich diese Lücken schließen? Eine Möglichkeit ist, Bürger:innen zur Datenspende zu bewegen. Damit solche Initiativen Erfolg haben und genügend Menschen mitmachen, müssen mehrere Faktoren ineinandergreifen. Technische und organisatorische Aspekte spielen eine Rolle – ebenso entscheidend ist die Kommunikation mit den Bürger:innen.  

Auf technischer Ebene erörterte die Gruppe Ansätze für den Mobilitäts-Use-Case: etwa datenschutzfreundliche Apps, die auf vertrauenswürdigen Baukästen basieren und von Anfang an das Privacy-by-Design-Prinzip einhalten. Ebenso wichtig ist es, Datensätze zu aggregieren und zu anonymisieren, um Rückschlüsse auf Einzelpersonen zu verhindern. Als neutrale Vertrauensinstanz kann ein Datentreuhänder dienen, der zwischen Datenspender:innen und Kommune vermittelt. Organisatorisch betonte die Gruppe, dass Datenspender:innen nicht nur Daten liefern, sondern auch Rückmeldungen erhalten sollten. Idealerweise sehen sie direkt, wie ihr Beitrag wirkt. 

Perspektivwechsel: Wann spende ich Daten? 

Erfolgsfaktor ist die Kommunikation: Bürger:innen müssen wissen, welche Daten erfasst werden, wie sie gespeichert oder ausgewertet werden und wer Zugriff hat. Der Mehrwert der Datenauswertung muss klar sein: Wie trägt die Datenspende zum Gemeinwohl bei? Welche Verbesserungen erreicht die Kommune? Nur überzeugende Antworten schaffen Vertrauen und Beteiligung.  

Abbildung 2: Wie blicken verschiedene Gruppen von Menschen auf den Anwendungsfall? 

Zum Abschluss des Workshops betrachteten daher die Teilnehmenden den erarbeiteten Use Case aus neuen Perspektiven. Welche Vorbehalte könnten gegen eine Datenspende sprechen? Dabei wurden bewusst verschiedene Gruppen der Zivilgesellschaft betrachtet – von Jung und Alt über Berufspendler:innen bis zu Unternehmer:innen. Die zentrale Frage lautete: Was könnte diese Gruppen dazu bewegen, ihre Daten zu spenden?  

Als größtes Hindernis erkannten die Teilnehmenden die fehlende Motivation: Gleichgültigkeit gegenüber dem Thema, Frustration durch die Wirkungslosigkeit früherer Beteiligungsprojekte oder schlicht Zeitmangel im Alltag. Auch technische oder konzeptionelle Hürden können abschrecken – wird der Prozess zu kompliziert, springen potenzielle Spender:innen ab.  

Als Gegenmaßnahmen diskutierten die Teilnehmenden neben der Betonung von Wirksamkeit auch Visualisierungen und Gamification. Anschauliche Darstellungen können zeigen, welchen konkreten Beitrag die gespendeten Daten leisten, wie viele bereits gesammelt wurden oder wo sie Einfluss nehmen – etwa durch Heatmaps oder Fortschrittsbalken, um die Mühen sichtbar machen. Gamification geht noch einen Schritt weiter: Spielerische Elemente oder erreichbare Ziele sollen die Motivation steigern. Ein Beispiel aus dem Workshop war der „Datengarten“: Jede Spende lässt eine Pflanze wachsen und trägt zu einem virtuellen Gemeinschaftsgarten bei. So belohnt das Konzept nicht nur die individuelle Spende, sondern stärkt auch das Gemeinschaftsgefühl.  

Zum Abschluss fassten die Teilnehmenden den Workshop in einem Ein-Wort-Fazit zusammen. Zudem gab es einen Austausch von Kontaktdaten und eine Liste der im Workshop genannten Beispiele und Anwendungen – ein breites Spektrum, von Apps bis Zeckenatlas. 


Beitragsbild von Paolo Gregotti auf Unsplash