Green IT: Best Practices für eine nachhaltige Digitalisierung in Verwaltungen

Öffentliche Verwaltungen stehen vor der Herausforderung, Digitalisierungsprozesse nicht nur effizient, sondern auch nachhaltig zu gestalten. Wie können sie dieser Herausforderung begegnen und ihre digitalen Systeme möglichst nachhaltig gestalten? Über diese und weitere Fragen hat Dr. Marie Bergmann (Hochschule des Bundes für öffentliche Verwaltung) gemeinsam mit Expert:innen aus Verwaltung, Zivilgesellschaft und Wissenschaft im Rahmen des PIAZZA-Workshops „Green IT: Best Practices für eine nachhaltige Digitalisierung in Verwaltungen“ am 6. November 2025 diskutiert. 

Grundlagen von Digitalisierung und Nachhaltigkeit

In ihrem einführenden Impuls verortete Dr. Bergmann die Nachhaltigkeit im Kontext der Digitalisierung und setzte sich insbesondere mit dem Konzept einer „nachhaltigen Digitalisierung“ auseinander. Als Beispiel hierfür nannte sie die App „Too Good to Go“, die auf die Reduzierung von Lebensmittelverschwendung abzielt. Sie hob hervor, dass die Digitalisierung manchmal ein doppelseitiges Schwert sei: Einerseits spare man bei virtuellen Treffen CO₂-Emissionen durch eingesparte Fahrten ein, andererseits werden Ressourcen für die Produktion von Hardware benötigt. Dies kann zu einem sogenannten Rebound-Effekt führen, bei dem durch das veränderte Verhalten der Nutzer:innen letztlich mehr Ressourcen verbraucht werden, als eingespart wurden. So kann etwas, das ressourcenschonend sein sollte, durch die intensive Nutzung eher ressourcenverbrauchend werden.  

Dr. Bergmann führte einige Herausforderungen der Digitalisierung auf: Dazu zählen Polarisierung, Aneignung von Gemeingütern und Überwachung, Machtkonzentration und Monopole. Ein Paradox des Digitalen sei, dass das Kopieren digitaler Lösungen kaum zusätzliche Kosten verursacht, wodurch sie sich schnell verbreiten können.  

Zu den Herausforderungen der Nachhaltigkeit gehört die lineare Wirtschaft (als Gegensatz zur Kreislaufwirtschaft), die von Produktion bis Entsorgung reicht und damit den nachhaltigen Umgang mit Ressourcen erschwert. Der übermäßige Konsum verstärkt dieses Problem, da er eine intensivere Produktion und damit höheren Ressourcenverbrauch nach sich zieht. Hinzu kommen (globale) Krisen und Ungleichheiten – insbesondere der Klimawandel und seine Folgen, etwa der Verlust der Biodiversität, aber auch soziale Ungleichheiten, die täglich spürbar sind. 

Indikatoren und Standards

Dr. Bergmann stellte einige Indikatoren zur Messung der Einhaltung der Ziele für nachhaltige Entwicklung (SDGs) vor, die auf drei Säulen aufbauen: gesellschaftlich, umweltlich und wirtschaftlich. Unter diesen Kategorien reichen die Indikatoren etwa vom Infrastrukturangebot über Lebenszykluskosten bis hin zu Treibhausgasemissionen.  

Es gibt Vorgaben, die gesetzlich einzuhalten sind – etwa der Blaue Engel für Rechenzentren (DE-ZU 228). Dieser berücksichtigt unter anderem die „Power Usage Effectiveness“ (PUE) als Maß für die Energieeffizienz der Rechenzentrumsinfrastruktur sowie die Energieeffizienz des Kühlsystems (CER). 

Auch der Blaue Engel für Softwareprodukte (DE-UZ 215) legt zentrale Kriterien wie Energieeffizienz und Ressourcenschonung fest. Dieser Standard ist jedoch noch relativ neu (seit 2020) und deckt bisher nur sechs Softwareprodukte ab (Stand November 2025). Eine Hürde bestünde laut einer Teilnehmerin darin, dass Software-Produkte, die etwa auf KI-Trainingsdaten von Dritten basieren, den Blauen Engel nicht beantragen dürfen.  

Green IT: Definition und Kennzahlen

Anschließend ordnete Dr. Bergmann den Begriff „Green IT“ im Kontext der öffentlichen Verwaltung ein. Das klassische Verständnis von Green IT umfasst die Bereiche IT-Beschaffung, IT-Betrieb und IT-Entsorgung. Die Green Software Foundation fordert jedoch, dass der gesamte Produktionsprozess energieeffizient gestaltet werden sollte, was auch Hardware-Sparsamkeit und Carbon Awareness miteinschließt.  

Eine Studie aus der Schweiz zeigt den enormen Stromverbrauch von Rechenzentren: Derzeit verursachen Endgeräte den größten Teil des CO₂-Fußabdrucks im Digitalsektor, zukünftig (bis 2035) werden Rechenzentren jedoch diese Emissionen überholen. Insgesamt macht der Digitalsektor in der Schweiz 2 Prozent der gesamten Treibhausgasemissionen und 12 Prozent des gesamten Stromverbrauchs des Landes aus. Entwicklungen in der Generativen KI kommen nun als zusätzliche Ressourcenfresser hinzu. Ein großer Teil der Energie entfällt auf Kühlung, was voraussichtlich weiter steigen wird. 

Die Green IT-Kennzahlen für Hochschulen reichen vom Rechenzentrum über Anwendende bis hin zur Beschaffung. Eine unmittelbar umsetzbare Maßnahme in vielen Organisationen ist die Überprüfung, welche Daten gespeichert und welche tatsächlich genutzt werden, um Ressourcen möglichst zu schonen. Dr. Bergmann verwies auf bewährte Praktiken, wie das Energieüberwachungstool (EMT) von Philips auf GitHub oder den „One Login Service“ von Gov.uk, bei dem bereits in der Entwicklungsphase auf Nachhaltigkeit geachtet wurde – wodurch die Kohlenstoffemissionen im Vergleich zu anderen Dienstleistungen um 75 Prozent reduziert werden konnten. Auch Verbraucher:innen können einen Beitrag leisten, etwa durch die Nutzung des Electricity Maps-Tools und Stromverbrauch eher tagsüber als nachts, wenn mehr erneuerbare Energie verfügbar ist.  

Good Practices, Chancen und Herausforderungen

Im Anschluss diskutierten die Workshop-Teilnehmenden verschiedene Good Practices. Ein Vorschlag war etwa, verstärkt mit Technik-Refurbishern zusammenzuarbeiten. Auch die soziale Nachhaltigkeit sollte bei allen Maßnahmen berücksichtigt werden.  

Es wurde diskutiert, ob Videotelefonie mehr oder weniger Energie verbraucht als die herkömmliche Telefonie – dies hänge auch vom verwendeten Tool und dessen Programmierung ab. Faktoren wie Bildübertragung und Monitorgröße könnten auch einen Einfluss auf den Energieverbrauch haben. Hier wäre es hilfreich, mehr Klarheit und Kennzahlen zu haben, um fundierte Entscheidungen über mögliche Ersatzlösungen treffen zu können, insbesondere im Kontext der hybriden Arbeit. Es sollte immer kritisch geprüft werden, ob es ressourcenschonender ist, neue, optimierte Geräte anzuschaffen oder mit bestehender, möglicherweise weniger effizienter Infrastruktur weiterzuarbeiten. Eine Teilnehmerin wies zudem darauf hin, dass Cloudlösungen nicht automatisch nachhaltiger seien (es mangele hier häufig auch an Transparenz seitens der Anbieter).  

Zu den Chancen und Herausforderungen zählen unter anderem Übergang zur Kreislaufwirtschaft und Effizienzsteigerungen durch nachhaltige IT-Praktiken. Möglichkeiten zur Berichterstattung bestehen etwa in der Integration von Green IT-Zielen in jährliche Nachhaltigkeitsberichte sowie in der Nutzung von Standards wie EMAS oder CSRD, um Fortschritte zu dokumentieren. 

Weitere Ressourcen:


Beitragsbild von Josh Power auf Unsplash