Mit Teilnehmenden aus Verwaltung, Forschung und Zivilgesellschaft diskutierte der Workshop „Smart City meets Vulnerabilität: Datenbasierte Wege zum kommunalen Hitzeschutz – warum es für gerechte Klimaanpassung neue Datenwege braucht“, welche Wege und Werkzeuge nötig sind, um das abstrakte Potenzial von „Smart City“-Ansätzen in konkrete Maßnahmen zum Hitzeschutz für die Stadtgesellschaft mit Fokus auf vulnerable Bevölkerungsgruppen zu übersetzen. Im Zentrum standen dabei die Fragen, wie datengetriebene Ansätze zum Hitzeschutz mit sozialer Gerechtigkeit verbunden werden können, und welche Rolle verschiedenen Akteur:innen dabei zukommt.
Notwendigkeit und Herausforderungen des kommunalen Hitzeschutzes
In ihrem Impuls gingen die beiden Workshopleiterinnen Zoe Back und Leonie Eberhardt (Fraunhofer-Institut für Arbeitswirtschaft und Organisation IAO) darauf ein, warum Hitzeschutz so dringend notwendig ist und welche Herausforderungen damit einhergehen.
Die Auswirkungen von Hitze sind dabei gesundheitlicher (körperliche und psychische Belastungen), sozialer, ökologischer und ökonomischer Natur. Die steigende Hitzebelastung in urbanen Räumen trifft dabei nicht alle gleich. Vulnerable Gruppen, auch Risikogruppen genannt, sind besonders stark betroffen. Dazu zählen ältere Menschen, Säuglinge und Kleinkinder, wohnungslose Menschen, Personen, die im Freien arbeiten, Pflegebedürftige, Menschen mit chronischen Erkrankungen und Schwangere. Hitzeschutz ist somit nicht nur eine Frage der Umwelt und Klimapolitik, sondern auch eine Frage der sozialen Gerechtigkeit.
(Fehlende) Datengrundlagen zur Hitzebelastung
Wie kann die vulnerable Bewohnerschaft in Städten besser vor den Folgen des Klimawandels geschützt werden? Was braucht es, um Risiken frühzeitig zu erkennen und Maßnahmen zielgruppengerecht umzusetzen? Und wie kann gewährleistet werden, dass technische Lösungen soziale Realitäten berücksichtigen? Zur Beantwortung dieser Fragen können datengetriebene Technologien einen wichtigen Beitrag leisten. Voraussetzung dafür ist jedoch die Verfügbarkeit und Nutzung von Daten, welche noch ungenügend gegeben ist.
Relevante Datengrundlagen für den Hitzeschutz umfassen unter anderem Klima-, Umwelt- und Infrastrukturdaten sowie Informationen zur Bevölkerungsstruktur. Durch die hohe Diversität an Datenquellen wurde die Wichtigkeit des Zusammenwirkens von Forschung, Verwaltung und Zivilgesellschaft besonders deutlich.
In diesem Kontext wurden auch Ansätze des Citizen Science besprochen. Diese können vor allem für die benötigten Sensordaten eine große Rolle spielen. Die Vorteile von Sensordaten wurden in Abgrenzung zu Satellitendaten diskutiert, die aus Mangel an Alternativen noch vielfach verwendet werden, obwohl sie oftmals schlecht geeignet sind, um thermischen Stress in Städten abzubilden (u. a. da sie nur die Oberflächentemperatur messen, die in dicht bebauten Innenstädten stark von den sonnenexponierten Dächern dominiert wird). Ein weiterer Diskussionspunkt unter den Teilnehmenden war die Einbeziehung personenbezogenen Daten und die Frage, wie diese höchst sensiblen (Gesundheits-)Daten unter Beachtung der DSGVO für den kommunalen Hitzeschutz verwendet werden können. Forschungsprojekte zur Anonymisierung leisten hierbei einen wichtigen Beitrag, da sie Wege aufzeigen, wie solche Daten datenschutzkonform verarbeitet und für den kommunalen Hitzeschutz nutzbar gemacht werden können.
Smart City als datenbasierter Lösungsansatz
„Smart City“-Ansätze wurden als datenbasierter Weg vorgestellt, der über die Optimierung kommunaler Abläufe hinausgeht. Vielmehr zielt er darauf ab, ein besseres Lebensumfeld in unterschiedlichen Themenfeldern zu schaffen. Das Ziel besteht darin, Maßnahmen in den Kommunen gezielter zu steuern, indem Daten sinnvoll genutzt und miteinander verknüpft werden. Im Workshop wurde darauf hingewiesen, dass ein digitaler Zwilling meistens nicht nötig ist. Oft reicht eine gute, solide Datenplattform aus. Eine wichtige Rolle spielen dabei geeignete Schnittstellen, damit Daten automatisiert miteinander kommunizieren können. Die Teilnehmenden diskutierten die für die Umsetzung von „Smart City“-Konzepten notwendigen Voraussetzungen, darunter eine belastbare technische Infrastruktur, verfügbare Daten aus kommunalen oder externen Quellen, ausreichende Datenkompetenz sowie funktionierende Governance-Strukturen. Zudem wurde die Bedeutung von Standards betont, die sowohl auf technischer Ebene als auch im Bereich der Governance dringend benötigt werden. Die mangelnde Standardisierung erschwert derzeit eine effiziente Vernetzung zwischen Kommunen. Ein Blick auf die Standards anderer Länder und ein Austausch darüber wurden ebenfalls als wichtig hervorgehoben.
Maßnahmen zum kommunalen Hitzeschutz für vulnerable Bevölkerungsgruppen
In drei Gruppen wurden konkrete Maßnahmen zum kommunalen Hitzeschutz für Kinder und Säuglinge, ältere Personen sowie für wohnungslose Menschen ausgearbeitet.
Als zentrale Herausforderung für die Gruppe der Kinder und Säuglinge wurde die Sensibilisierung von Eltern und Betreuungspersonen gegenüber Hitzerisiken und Anpassungsstrategien hervorgehoben. Wichtige Maßnahmen sind kühle Aufenthaltsorte, Sonnensegel sowie mehr Begrünung. Ein Bedarf an Daten wurde vor allem zur Beantwortung folgender Fragen ausgemacht: Wo gibt es ausreichend kühle Räume? Wo halten sich Kinder und ihre Bezugspersonen auf? Die maßgeblichen Akteure – Kindergärten, Verwaltung und Träger – verfolgen dabei das gemeinsame Ziel, den Bewegungsraum der Kinder zu erhalten und gleichzeitig die Aufmerksamkeit ihrer Bezugspersonen für Hitzebelastungen zu steigern.
Bei älteren Menschen sind Hitzeschutzmaßnahmen in betreuten Einrichtungen schon gut umgesetzt, während das private Umfeld nur schwer erreicht wird. Es muss daher geklärt werden, wie Warnungen an nicht digital angebundene Personen weitergegeben, Selbsthilfe gestärkt und Unterstützungsmöglichkeiten organisiert werden können. Ein möglicher Lösungsansatz liegt in der Nutzung von Wohnungsdaten (z. B. Raumtemperaturen), um Warnungen auslösen oder Kontaktpersonen aktivieren zu können.
Wohnungslose Menschen stellen eine schwer erreichbare Zielgruppe dar, über deren Lebensrealitäten zu wenig bekannt ist, und deren Bedarfe in der Stadtplanung oftmals nicht berücksichtigt werden. In akuten Hitzesituationen werden insbesondere Wasser und Sonnenschutz benötigt. Eine digitale und analoge Karte könnte Angebote wie Trinkbrunnen, Sonnenschutzspender und kühle Aufenthaltsorte sichtbar machen. Zudem wären, vergleichbar zu den bereits in vielen Städten eingesetzten Kältebussen, auch Hitzebusse notwendig. Ein zentrales Anliegen stellt zudem ein partizipativer Prozess dar, bei dem Betroffene sowie Haupt- und Ehrenamtliche zusammenarbeiten, um Bedarfe gemeinsam zu definieren und so nützliche Datenbestände auszumachen.
Die anschließende, gemeinsame Diskussion zeigte auf, dass eine Unterscheidung zwischen präventiven und akuten Maßnahmen sowie langfristigen strukturellen Lösungen notwendig ist. Zudem wurde betont, dass Multiplikator:innen eine zentrale Rolle zukommt. Der entscheidende Erfolgsfaktor für kommunalen Hitzeschutz liegt in der Zusammenarbeit, denn viele Lösungen existieren bereits, scheitern jedoch an fehlender Kooperation. Es ist daher wichtig, vorhandene Akteur:innen und Netzwerke zu identifizieren und zu aktivieren, um Daten sinnvoll zu erheben und in wirksame Maßnahmen zu übersetzen.
Der Workshop erreichte sein Ziel, durch einen intensiven Erfahrungsaustausch konkrete Lösungsansätze für einen sozialgerechten Hitzeschutz zu entwickeln, die anhand verschiedener Use Cases greifbar gemacht wurden. Die Teilnehmenden brachten dabei ihre vielfältige Perspektiven aus (sozial- und naturwissenschaftlicher) Forschung, Verwaltung und Zivilgesellschaft ein. Deutlich wurde, dass technische Lösungen allein nicht ausreichen: Erst im Zusammenspiel von Mensch und Technik können wirksame Maßnahmen für den kommunalen Hitzeschutz entstehen.
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